Rezension: "Ein Geheimnis" von Philippe Grimbert
Es ist eine Weile her, dass ich die folgende Rezension geschrieben habe, aber vor dem aktuellen Hintergrund erscheint es mir wichtig, dem ein oder anderen ein Werkzeug in die Hand zu geben, das bei der Pflege einer Erinnerungskultur hilft. Es treibt mich um, dass die Ereignisse, die zum fürchterlichsten Genozid der Menschheit geführt haben, mehr und mehr in eine Historizität abgleiten, so dass man nur noch schwindelig sagen kann: "Wie schnell will das Gras denn noch wachsen". Etliche der Kommentare, die im Zuge der Grandprix-Punktevergabe in Plattformen des Web 2.0 aufgetaucht sind, zeugen von profunder Unkenntnis über die Mechanismen, die andere eben nicht vergessen lassen. Mähen wir dieses Gras ab und zu. Nicht durch Abarbeiten an einem Schuldkomplex, sondern als Hüter von Demokratie und Empathie:
„Ein Geheimnis“: Der stumme Schrei der Kinder
Philippe Grimbert, geboren 1948 in Paris, ist Psychoanalytiker und Autor. Er schreibt, wenn er muss, wenn ein Thema ihn bewegt; das ist, was er selbst über seine Texte sagt. Mehrere Essays und zwei Romane hat er bisher veröffentlicht. Sein neuester und vielleicht wichtigster Roman wurde noch im Erscheinungsjahr mit dem französischen Prix Goncourt des Lycéens (2004) und mit dem prix des Lectrices de Elle (2005) ausgezeichnet. Unter dem Originaltitel „Un secret“ wurde er 2007 von Claude Miller verfilmt.
„Ein Geheimnis“ ist Roman und Autobiografie, ein vielschichtiger Text, der seine Leser in die Kindheit des Erzählers Grimbert führt und auf gut 150 Seiten das Bild einer von nationalsozialistischer Verfolgung und persönlicher Ohnmacht geprägten Familiengeschichte entwirft. Der Blick des Erzählers ist deckungsgleich mit der biographischen Verortung des Autors Grimbert, der, gestützt von den Erkenntnismöglichkeiten seines beruflichen Hintergrundes die Zugehörigkeit zur so genannten zweiten Generation von Holocaust-Überlebenden reflektiert und in literarischer Form aufarbeitet.
Der Therapeut Grimbert arbeitet mit autistischen Kindern und Jugendlichen. Autistisch mutet auch das verstörende Schweigen an, mit dem das Kind Philippe aufwächst, in einer Familie, die ihm lange Zeit jede Verbindung zu den schrecklichen Ereignissen und Verlusten vorenthält, die sie im besetzten Frankreich erlitten hat. Nüchtern und klar hält der Erzähler die traumatischen Reaktionen der Erwachsenen fest, die Namensänderung von Grinberg zu Grimbert, seine katholische Taufe, die verzweifelte Sportlichkeit der Eltern, die, längst nicht mehr Passion der Jugendzeit, vielmehr halb bewusste Fluchtbereitschaft ist.
Und ebenso nüchtern hält er die Folgen dieser Sprachlosigkeit fest, die Unsicherheit des Einzelkindes angesichts beständig unerklärlicher Distanziertheit der Eltern, das Gefühl, gegen übermächtige Schatten anzutreten, nicht der „Erste“, das Wunschkind als ungebrochene Fortschreibung des Familienstammbaums zu sein. Und so ringt der Nachgeborene der zweiten Generation eine Kindheit lang mit dem Unsichtbaren, mit der personifizierten Vergangenheit in Gestalt eines zunächst imaginären großen Bruders.
Mit einem unausgesprochenen Phantom belastet, verinnerlicht der Erzähler die Überlebensstrategien seiner Eltern. Seine Kindheit durchzieht ein latentes Schuldgefühl, das sich, Anlässe zu seiner Bestätigung suchend, bis in eine verzweifelte Selbstverachtung steigert. Der Junge reagiert irritiert auf die schrecklichen Bilder des Holocaust, nimmt unbewusst die Reaktionen seiner Eltern auf. Als Psychologe kennt Grimbert die Untersuchungen zu den verheerenden sozialen Folgen der Traumatisierung jüdischer Überlebender und ihrer Kinder. Als Betroffener und Angehöriger dieser zweiten Generation kennt er das sekundär erworbene Trauma aus eigener Anschauung. Der Weg bis zu einem Reflexionsgrad, der einen hoch artifiziellen und poetischen Text wie „Ein Geheimnis“ in die Existenz hebt, Fakten und Emotionen birgt und strukturiert, ist womöglich lang gewesen. Zum Dreh- und Angelpunkt seiner Genese wird ein Familienmitglied, dessen Schicksal tief im Schweigen der Lebenden begraben ist und dem sich Autor und Erzähler nur über Umwege nähern können.
Auf dem Dachboden des Elternhauses findet der Erzähler einen Stoffhund, den er fortan „Sim“ nennt. Was für das Kind mit eigenem Erleben aufgefüllt wird, bleibt den Eltern narbenhaftes Zeichen ihres verdrängten Vorlebens. Dass es die letzte, tragische Erinnerung an den deportierten großen Bruder ist, erfährt Grimbert im Roman mit fünfzehn Jahren von einer Zeitzeugin und Freundin der Familie. Was die Konfrontation mit dieser Narbe nicht vermag, gelingt später bei der Trauer um ein Haustier. Der Verlust des Hundes „Echo“, der mit seinem Tod zum Katalysator wird, zum Anlass, das Schweigen heilsam zu unterbrechen. Es wird gesprochen über Angehörige, über deren Schicksal der inzwischen erwachsene Erzähler aus Archiven und durch nachdrückliche Recherchen längst mehr weiß, als seine Eltern. Der Erzähler Grimbert versucht keine Heilung. Er bricht das Schweigen respektvoll und heilt sich, den Nachfolger. Von dem Phantom, das nun den Namen seines Bruders Simon trägt und von der Unsichtbarkeit des Leidens der zweiten Opfergeneration des Holocaust.
Der Roman verwendet das Indirekte, den Zufallsfund und den distanzierten Blick des scheinbar Außenstehenden. Wie in W.G. Sebalds „Austerlitz“ verwirren sich Bericht und indirekte Quelle zu einem Gewebe, das einen Schleier über die verstörenden Gegenstände der Erzählung legt. Ebenso wie der durch Adoption zum Nachgeborenen gewordene Austerlitz vor verlassenen Schaufenstern in Terezin die potenzielle Herkunft der ausgestellten Artefakte seiner eigenen Geschichte hinzufügt, entsteht auch Grimberts Geschichte. Aus Fotos, erzählten Erinnerungen, Assoziationen und Zufallsfunden wird ein Stilleben, das gerade durch den Kunstgriff der erzählten Leerstellen die Tragweite der Verletzungen spürbar macht, von denen Opferfamilien noch Generationen nach der Verfolgung durch den Nationalsozialismus geprägt sind.
Die Fantasien und besorgten Spekulationen, mit denen der Erzähler Grimbert die Geschichte seiner Familie rekonstruiert, die er mit sich erweiterndem Horizont korrigiert, beschreiben Psychologen heute als typisch für sekundär traumatisierte Kinder. Die begleitete Konstruktion einer historischen Fiktion, einer Familienerzählung, die das Geschehen der Verfolgung enthält und nennt, empfehlen sie als Therapie. Grimbert schreibt eine solche Erzählung. Schritt für Schritt erleben wir die heranreifende Stärke eines Menschen, der über fünf Jahrzehnte nach dem gewaltsamen Tod seines Bruders souverän drei untrennbar ineinander verwobene Geschichten erzählt: Die von der Liebe seiner Eltern, die Geschichte einer paradigmatischen Kindheit und die Geschichte des unbekannten Bruders, dem Philippe Grimbert in diesem Buch ein bewegendes und eindrucksvolles literarisches Gedenken setzt.
Ein Geheimnis
Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2007,
154 Seiten, 7,00 Euro